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Zukunftserzählungen in Organisationen

Aktualisiert: 23. Juni 2021


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Interview mit Bonum, November 2020

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Wie können Stiftungen mit Storytelling und narrativen Methoden sichtbar werden und ihre Zukunft sinnstiftend erzählen? Im Interview erklärt Patrick Kappeler, Gründungsmitglied der Storyteller Akademie, wie es funktioniert.


Patrick Kappeler, was muss man sich unter Storytelling vorstellen?

Storytelling heißt im Prinzip nichts anderes, als nackte Zahlen und Daten so zu verpacken, dass sie von Menschen sofort verstanden werden. Geschichten befeuern unglaublich viele Gehirnregionen gleichzeitig und bleiben uns deshalb nachhaltig in Erinnerung. Und Geschichten werden von unserem Unterbewusstsein sofort verstanden, also jenem Teil in unserem Gehirn, der jeden Tag 95 Prozent aller Entscheidungen fällt.


Wieso ist es wichtig, die Zukunft zu erzählen?

Etwas überspitzt formuliert: Wer die eigene Zukunft nicht erzählt, hat keine. Eine Zukunftserzählung ist ja nichts anderes als eine Wette auf die Zukunft. Wer keine überzeugende Story anzubieten hat, von dem wenden sich die Menschen ab. Sinnstiftende Erzählungen, sogenannte Narrative, sind solche Wetten auf die Zukunft. Sie organisieren das Fühlen, Denken und Handeln von Gemeinschaften auf ein gemeinsames Ziel hin. Starke Geschichten berühren und transformieren die Menschen.


Tun das Zahlen, Daten und Fakten nicht auch?

Nein. Schauen Sie sich die Klimadebatte an. Wir alle kennen die beunruhigenden Hochrechnungen. Trotzdem scheint es uns bei aller Vernunft und Logik nicht zu gelingen, rechtzeitig Gegensteuer zu geben. Die Gehirnforschung hat gezeigt: Der Mensch ist keine denkende Maschine, die fühlt, sondern eine fühlende Maschine, die denkt. Nicht den Verstand müssen wir überzeugen, sondern das Gefühl. Genau das machen Erzählungen. Sie flirten hemmungslos mit unserer Affektlogik und gewinnen uns selbst für schwerste Aufgaben und Mühen.


«Der Mensch ist keine denkende Maschine, die fühlt, sondern eine fühlende Maschine, die denkt.»

Viele Zukunftswetten sehen derzeit eher düster aus.

Stimmt. Große Ordnungsstrukturen und Leiterzählungen, unter anderem das wirtschaftliche Wachstumsnarrativ, erodieren und verlieren für viele ihre sinnstiftende Kraft. Wir bewegen uns in ein Vakuum. Neue Visionen für ein gelingendes Miteinander sind erst am Entstehen. Hier sehe ich für Stiftungen eine Chance, sich noch stärker in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen. Entscheidend wird sein, andere zum Miterzählen zu bewegen.


Weshalb ist das wichtig?

Eine attraktive Vision nützt Ihnen nichts, wenn sie niemand Miterzählen will. Nur wenn Mitarbeitende, Kundinnen und Kunden partizipativ Miterzählen, schöpfen Organisationen das ganze Potenzial aus. Dann werden Kräfte freigesetzt, die Großes bewirken. Dann geschehen Wunder.


Und was bringt Storytelling?

Sichtbarkeit. Storytelling ist eine Technik, um Informationen und Erfahrungen so zu strukturieren, dass sie von unserem Gehirn auch auf der Gefühlsebene glasklar verstanden werden. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wenn Sie auf Ihrer Website behaupten, Nachhaltigkeit zu fördern, bleiben Sie in einer nichtssagenden Abstraktion. Klüger wäre es, zu diesem Wert die Geschichte von Eve, der jungen Weinbäuerin zu erzählen: Eve stellte mit Ihrer Hilfe und gegen den Widerstand der Eltern die Produktion komplett auf Bio um und vertreibt heute einen der besten Weine der Region. Erst die konkrete Erzählung macht das Abstrakte verständlich, relevant und spannend. Storytelling ist eine fundamentale Grundvoraussetzung, um in einer zunehmend komplexeren Welt sichtbar zu bleiben, Vertrauen aufzubauen, erfolgreicheres Fundraising zu betreiben und die Zukunft zusammen mit anderen sinnstiftend zu erzählen.


Wie könnte eine sinnstiftende Zukunftserzählung aussehen?

Ich beobachte, dass sich mehr und mehr Menschen nach einer zärtlichen Ökonomie des Miteinanders, nach Verbindung, Verantwortung und einer bedeutsamen Lebendigkeit sehnen. Diese Bedürfnisse sind starke Quellen, aus denen wir für uns selbst und die Gemeinschaft inspirierende Zukunftsgeschichten schöpfen und mit Herz und Verstand an andere weitergeben.


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